Wenn der innere Schweinehund spricht
Kultur Bericht einer Lesung von Minni Oehl
Den Alltag, den Minni Oehl mit großer schauspielerischer Verve im Café Bebelplatz vorgetragen hat, glauben wir alle zu kennen. Er beginnt mit einem schrillen Weckerklingeln und endet mit 900.000 Deutschen Mark im Schredder. Was passiert dazwischen? Zunächst läuft Alles wie immer, die Kinder nörgeln, der Hund wedelt, der Mann schreit nach einem gebügelten Hemd, der Müll steht vor der Tür, der Nachbar erzählt anzügliche Anekdoten und die Wut im Bauch fängt an zu simmern. Der Hund scheißt in den Vorgarten, der neureiche Schulkamerad protzt mit Geld und Prominenz, die Mutter jammert auf den Anrufbeantworter und die Nachbarschaftshilfe ruft an. Sie muss die 102jährige Frau Lause aufsuchen. Frau Lause müffelt. Sie wird gebadet, während Frau Lause einen zahnlosen Monolog hält über das Leben in den Vor- und Nachkriegszeiten des 20. Jahrhundert und über die 900.000 Deutschen Mark, die sie in der Matratze versteckt hat.
Es bleibt nicht aus, dass die Wiederholung des immer Gleichen Fragen und Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Lebens auslöst, die auch dem erheiterten Publikum nicht unbekannt sind. Als sich bei ihr aber der innere Schweinehund namens Schneider mit Forderungen meldet, die diesen normalen Alltag überschreiten, kippt die Beschaulichkeit. Er reklamiert nicht nur „Schweinigeleien“, sondern auch das längst überfällige Schreibpensum. Ein köstlicher Dialog der zwei Ichs entsteht, zwischen der stets ablenkungsbereiten Hausfrau und ihrem künstlerischen Gewissen. Gänzlich kommt sie ins Wanken, als Frau Lause kurz darauf bei einem zweiten Besuch in ihren Armen stirbt. Sie sinniert über Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitung und wie diese die Wahrnehmung des Alltäglichen verwandeln. Voller Dankbarkeit blickt sie nun auf lästige Nachbarn, großkopfete Schulkameraden und die eigenen Familienmitglieder, während Schweinhund Schneider weniger Sentimentalität anmahnt.
Minni Oehl hat in ihrer Performance den Szenenwechsel zwischen Alltagsgeschehen und Ausnahmezustand und das ihn begleitende Wechselbad der Gefühle überzeugend inszeniert und das Publikum in allen Phasen ihrer Darstellung mitgerissen. Sie gibt jedem Ding und jeder Person ein eigenes Temperament und eigene Stimmen, die manchmal wild durcheinander quasseln. Ein wunderbares Stimmentheater mit Texten, die wir alle schreiben könnten, wenn wir das Talent dazu hätten. (Gertrud Salm)

